Die Sakramente (Teil 8)
von Wolfram Schmidt
Für diese Neuordnung gab es drei theologische Leitmotive: Zunächst soll der Gemeinschafts- und Feiercharakter wieder stärker hervorgehoben werden. Aus dem allgemeinen Sakramentenverständnis heraus (Sakramente als Grundvollzug der Glaubensgemeinschaft) sind weder der Kranke noch der Priester zwei Einzelpersonen, die sich gegenüberstehen, sondern Teile der Gesamtgemeinde. So ist die Idealform der Krankensalbung eingebettet in einen Wortgottesdienst oder gar in eine Eucharistiefeier, an der nicht nur die Empfänger des Sakramentes, sondern die gesamte Gemeinde teilnehmen, um so zu zeigen: die kranken, die alten Menschen empfangen im Sakrament auch den Beistand der gesamten Gemeinde.
Sodann orientiert sich das zeichenhafte Handeln der Krankensalbung wieder mehr an der Urform, wie sie im Jakobusbrief überliefert ist. Es geht in der Krankensalbung mehr als nur um die Salbung. Handauflegung und Gebet im Glauben sind als Elemente gleichrangig. Das Gebet im Glauben umfasst nicht nur die Spendeformel. Dazu gehören auch das Weihegebet über das Öl (, das vom Bischof in der Missa Chrismatis gesprochen wurde) und das Fürbittgebet des Priesters und aller an der Feier Beteiligten. So wird deutlich, dass der gesamte Glaube die Grundlage des Heilsempfangs ist.
Im dritten Leitmotiv geht es um das Bestehen in der Krankheit, um Hilfe und Beistand in einer Unheilsituation. Es geht auch um das Bestehen im Alter, das oftmals als beschwerlich empfunden wird. Denn das sind die eigentlichen Ziele der Krankensalbung. Krankheit, Alter, Behinderungen werden vom Menschen als Situationen empfunden, in denen der Selbstvollzug, das Leben entscheidend beeinträchtigt ist. Da werden auch mal Zweifel wach und Fragen nach dem Warum kommen auf. Um solche Situationen zu bewältigen, soll die Krankensalbung helfend und stützend wirken.
An diesem Punkte stehen durch die 1000-jährige Fehldeutung und Fehlbehandlung des Sakramentes noch die größten Hindernisse im Weg. Die Krankensalbung ist kein Sakrament zum Sterben! Bei jeder ernsthaften Krankheit kann, darf, soll die Krankensalbung empfangen werden - bei langwierigen, fortschreitenden Krankheiten auch mehrmals. Vor Operationen, bei allgemeiner Altersschwäche, bei chronischen Krankheiten kann der Mensch um die Krankensalbung bitten, ohne gleich in kleinliche Ängste verfallen zu müssen!
Diese Deutung und Bedeutung der Krankensalbung muss sich in unser Bewusstsein viel weiter und tiefer verbreiten, damit die Erneuerung der Krankensalbung gelingt.
Noch ein letztes Wort zum Spender der Krankensalbung: als Spender gilt zur Zeit immer noch nur der Priester. Da aber sowohl in der privaten als auch in der krankenhäuslichen Krankenbetreuung mehr und mehr Ehrenamtliche oder auch nicht geweihte Hauptamtliche, aber auch Diakone tätig sind, da aber gleich mehr und mehr Wert auf persönliche Beziehungen gelegt wird, ist zu fragen: Soll zur Krankensalbung ein Priester von außen herbeigerufen werden, oder sollte nicht die Bezugsperson dann auch Spender der Krankensalbung werden?
7. Die Weihe
Thematisiert wird hier unter dem Stichwort Weihe das Dienstamt insofern, als es eine unverzichtbare Funktion in der Kirche ist, nämlich die Indienstnahme eines Menschen für den Dienst in der Kirche.
Wir haben mehrfach festgestellt: in der Kirche wirkt Jesus Christus, der auferstandene Herr. Seine Vollmacht und Autorität sind auf die Vollmacht und Autorität der Kirche übergegangen, indem Jesus selbst im Dienst seiner Jünger weiterlebt. Dieser Dienst, die Fortführung dessen; was Jesus tat, geht nicht erstrangig vom Menschen aus. Diese Ausführung des Dienstes muss sich immer am Anspruch und Auftrag Jesu, am Geist Jesu orientieren. Dieses Geist-tun braucht jedoch Strukturen, damit der Dienst im Sinne Jesu gelingt. Diese Strukturen dürfen aber nicht verwechselt werden mit Herrschaft des einen über den anderen. Dazu hat schon Mitte des 3. Jahrhunderts Cyprian von Karthago eine gute Faustregel aufgestellt: Nichts ohne den Bischof, nichts gegen den Rat des Presbyteriums, nichts ohne die Zustimmung des Volkes! - das heißt: irgendwelcher Grüppchenbildung und Absonderung, bischöflicher Alleingänge und Klerikalismus wird eine Absage erteilt.
Wenn heute vom Sakrament der Weihe gesprochen wird, dann denken viele nur an Priesterweihe, Priestertum und Priesteramt, und die meisten glauben auch zu wissen, um was es geht: um einzelne Personen, die im Dienst am Menschen liturgische und gemeindliche Leitungsfunktion wahrnehmen. Doch: das Neue Testament versteht unter Priestertum etwas ganz anderes.
Zunächst ist festzuhalten, dass Jesus - als Angehöriger des Stammes Juda - kein Priester im alttestamentlichen Sinne war. Jesus war Laie! Und das Neue Testament, das sonst mit Titeln für Jesus nicht spart, bringt den Begriff Priester mit Jesus nicht in Verbindung. Einzig der Hebräerbrief, der in seinem Nachdenken über Jesu Tod und Auferstehung zum Ergebnis kommt, dass das Christusereignis ein neuer Opferkult ist, bezeichnet Jesus Christus (also den Auferstandenen) als den Hohenpriester einer neuen Ordnung. Diese Ordnung ist deshalb neu, weil das eine Opfer ein einziges ist und weitere Opfergaben und Opferungen überflüssig macht. Dieses eine Opfer ist die Selbsthingabe des Opfernden. Jesus Christus ist deshalb der Hohepriester; weil er sich selbst zur Gabe macht, und zwar nicht nur durch den Tod am Kreuz; sondern durch sein gesamtes Leben. Das ganze Leben Jesu ist der Gottesdienst.
Durch Taufe, Firmung und die Teilhabe an der Eucharistie haben alle Christen Anteil am mystischen Leib Christi, sind wir alle ein Teil von ihm. So haben wir auch Anteil an seinem Priestertum - wir, das sind alle getauften Christen. Diesen Gedanken des allgemeinen Priestertums bringt vor allem der erste Petrusbrief in seinem zweiten Kapitel zum Ausdruck.
In der Kirche gibt es nur ein Priestertum, nämlich das von Jesus Christus, das Priestertum der Selbsthingabe. Als Christen haben wir alle Anteil an diesem Priestertum.
Fortsetzung folgt
dots