• Eine Herbstbotschaft: Trauer braucht ihren Raum

  • von Karola Emge-Kratz( Gemeindereferentin)
    Wir sehen und spüren es – wie jedes Jahr – ganz deutlich: Die Tage werden kürzer, die Blätter bunter und schließlich zieht sich die Natur ganz zurück. Die äußere Veränderung hat eine deutliche Wirkung auf unsere innere Landschaft. Der Herbst spricht vom Loslassen, erinnert an Abschiede und erzählt von kleinen und großen Verlusten. All dies tragen wir in uns, und diese Jahreszeit lädt uns auf besondere Weise ein, nachzudenken über das, was war und das, was bleiben wird.
    Eine zutiefst menschliche Erfahrung ist in diesem Zusammenhang, dass wir nichts festhalten können: kein noch so schönes Erlebnis und keine noch so intensive Beziehung zu einem Menschen. Das kann uns traurig stimmen oder gar eine tiefe Trauerreaktion auslösen. Trauer ist eine natürliche Reaktion der Seele und des Körpers auf Verlusterfahrungen. Trauern bedeutet Schwerstarbeit und ist keine Krankheit, die es zu kurieren gilt. Die Prozesse von Schmerz, Einsamkeit, Ohnmacht und sogar Wut brauchen Zeit und Raum. Werden sie unterdrückt oder gar nicht erst zugelassen, wird die menschliche Seele früher oder später durch körperliche oder psychische Symptome auf den aufgestauten Schmerz aufmerksam machen. Trauer muss wahrgenommen und durchlebt werden. Trauer darf und muss sogar ausgedrückt werden.
    Schon im Alten Testament, im Buch Kohelet, wird diese existenzielle Wahrheit in unvergängliche Worte gefasst: Alles hat seine Zeit. Es gibt eine Zeit für das Lachen, aber auch für das Weinen; eine Zeit für Umarmungen, aber auch dafür, diese wieder zu lösen. Wir können nicht ständig funktionieren, sagt uns diese alte biblische Weisheit. Ein ewiges Blühen ist auch für die Natur nicht möglich.
    Wenn das Leben aus den Fugen gerät, wenn der Winter der Seele anbricht, dürfen und müssen wir innehalten und der Trauer einen ausreichenden Raum überlassen. Dabei helfen uns die Feiertage im November. Sie greifen diese Dynamik auf und deuten sie in einem spirituellen Rahmen. An Allerheiligen, einem Fest des Lichtes und der Hoffnung, richten wir unsere Aufmerksamkeit auf die Menschen, die uns vorausgegangen sind und die ihr Ziel bei Gott bereits erreicht haben.
    Direkt am darauffolgenden Tag, an Allerseelen, gedenken wir ganz konkret unserer eigenen Verstorbenen. Wenn wir in diesen Tagen die Gräber auf unseren Friedhöfen schmücken und Lichter entzünden, tun wir das im Bewusstsein unserer bleibenden Verbindung zu ihnen. Ebenso ist das Ritual der Gräbersegnung heilsam, weil es der Trauer einen festen Ort und eine sichtbare Form gibt.
    Wer einen geliebten Menschen vermisst, braucht im Alltag echten Trost und nicht bloße Vertröstung. Sätze wie Das Leben geht weiter oder Die Zeit heilt alle Wunden sind oft gut gemeint, wirken auf Betroffene aber wie ein Schlag ins Gesicht. Sie signalisieren dem Gegenüber, dass der Schmerz bald vorbei sein sollte. Echter Trost hingegen hilft, den Schmerz gemeinsam auszuhalten. Das bedeutet nicht, billige Antworten zu liefern, sondern da zu sein, zuzuhören und auch ein Schweigen mittragen zu können. Diese Anteilnahme nimmt den Schmerz nicht weg, macht ihn aber tragbarer.
    Niemand muss diesen schweren Weg allein gehen. Oft zieht sich das soziale Umfeld nach einigen Wochen oder Monaten zurück, während die eigentliche Trauerarbeit für die Betroffenen dann erst richtig beginnt. Hier kann der Austausch mit Gleichgesinnten zu einer rettenden Insel werden. In einer Trauergruppe oder einem Trauercafé begegnen sich Menschen, die Ähnliches durchmachen. Hier darf ohne Scham geweint, geschwiegen oder auch wieder gelacht werden. Die Erfahrung, mit den eigenen Gefühlen nicht außerhalb der Norm oder allein zu sein, spendet oft die größte Kraft für die nächsten Schritte zurück ins Leben.
    Die tiefgehende Botschaft des Herbstes ist also, dass alles seine Zeit hat. Schenken wir uns selbst und den Trauernden in unserer Gemeinde die Geduld und die aufmerksame Begleitung, die diese Zeit des Loslassens braucht.

    News und Ankündigungen